Sommerschnee
Freiheit ist die Einsicht der Notwendigkeit
Sommerschnee
Übersetzung: Aranca Munteanu
Es war einmal ein Park, an dessen Eingang eine Statue Wache hielt, die steinerne Statue eines Dichters, sein Blick in die Ferne gerichtet, sein Haar wallend, sein gedankenvolles Haupt auf zarte Finger gestützt.
Unweit vom ihm ersprießte eines Tages ein Maiglöckchen, ein schönes Maiglöckchen, mit vielen, vielen rein und schneeweiß strahlenden Glöckchen. An dem Tag, an dem die Blüten aufgingen, regnete es und gleichzeitig schien warm die Sonne, der Wind wehte ganz zart, und die dünnen Stengel der Blume wogen sich in seinem Wispern.
Dies war auch der Tag, an dem der Dichter zum ersten Mal das Maiglöckchen bemerkte. Und kaum hatte er es gesehen, schon verliebte er sich in die Blume. Aber was konnte er schon tun? Seine steinernen Beine waren gut in den Boden verankert, seine Hände konnte er vom Gesicht nicht lösen, seine Augen blickten für immer in die Ferne, so wie es der Bildhauer gewollt hatte, und seine Lippen waren auch versiegelt. Er konnte das Maiglöckchen nur aus dem Augenwinkel betrachten, und seine Seele, die nicht aus Stein war, konnte sich an diesem Anblick erfreuen.
Eigentlich konnte er doch etwas tun. Er konnte die Sonne bitten, nicht zu sehr zu wärmen, damit die Blume nicht zu schnell verwelkte. Er konnte auch den Wind bitten, nicht zu heftig zu wehen, damit die Blume nicht knickte. Und er konnte den Regen bitten, behutsam und warm zu fallen, um der Blume nicht weh zu tun.
Die Sonne, der Wind und der Regen verstanden ihn und entsprachen seiner Bitte.
Das Maiglöckchen hatte aber auch die Statue bemerkt. Wie schön sie doch war! Und was für schöne Augen dieser Dichter hatte, und was für eine edle gedankenvolle Stirn, was für ein unsagbarer Friede lag auf seinem Gesicht! Heimlich verliebte sich das Maiglöckchen in den steinernen Dichter, und jeden Morgen nach dem Aufstehen versuchte es sich so zu drehen, daß es ihn immer betrachten konnte. Es versuchte auch jedes einzelne ihrer Glöckchen so zu drehen, daß diese in seine Richtung schauten. Die Blume betrachtete ihn heimlich, verschlang ihn mit unsichtbaren Blicken und erzählte ihm in Gedanken, wie sehr sie ihn liebte.
Sie bat die Sonne, sie möge den Stein, aus dem die Statue gemeißelt war, nicht allzu sehr zu erhitzen. Und den Wind bat sie, er solle nicht allzu heftig zu wehen, um den Dichter nicht umzustürzen. Auch bat sie den Regen nicht allzu hart herunter zu prasseln, um der Statue nicht weh zu tun.
Die Sonne, der Wind und der Regen verstanden sie und entsprachen ihrer Bitte.
Die Tage vergingen und der Dichter betrachtete die Blume mit liebevollen Augen, obwohl er diese nicht bewegen konnte und man ihnen die innere Flamme auch nicht ansehen konnte. Das Maiglöckchen betrachtete ihn verstohlen, denn es war ihr peinlich, daß, so klein und unbedeutend wie sie war, sie es gewagt hatte, sich in die Statue eines so schönen und sicher bedeutenden Dichters zu verlieben.
Sie konnte aber ihre Liebe nicht unterdrücken und wünschte sich im Gegenteil, daß sie dem Dichter etwas näher kommen könnte, daß sie in seiner unmittelbaren Nähe stehen konnte. Dies war allerdings gänzlich unmöglich, da sie Wurzeln hatte, die sie fest mit dem Boden verbanden.
Dem Boden tat aber die Blume leid, und so fing er an, sich unmerklich zu schütteln und seine Schichten zu bewegen, so daß das Maiglöckchen Tag für Tag der Statue etwas näher rückte, bis sie sich eines Morgens in der unmittelbaren Nähe der Statue wiederfand.
Sie war so glücklich, so unbeschreiblich glücklich! Sie konnte es kaum glauben, daß sie jetzt den steinernen Dichter berühren konnte. Die Blume bewegte ihre Glöckchen, um ihn wie aus Versehen zu streicheln. Und wenn der Wind wehte, lehnte sie sich mit ihrem ganzen Stengel an ihn, als ob der Wind allein an der Berührung Schuld hätte. Und wenn die Sonne die Luft zu sehr erhitzte, breitete sie ihre Blätter aus, um die Statue soweit wie möglich zu schützen. Die Glöckchen erklangen mit jeder Windböe, um ihre Liebe zu besingen.
Eines Tages schien es der Statue, daß das Maiglöckchen etwas näher als sonst stand. Nein, das war unmöglich! Und doch, als der Dichter die Blume aufmerksam betrachtete, bemerkte er, daß sie am Morgen etwas näher stand als am Abend zuvor. Und danach noch etwas näher, und noch näher, bis er sie eines Tages gleich neben ihm erblickte.
Wie sehr er sich darüber gefreut hatte, daß gerade dort, wo sie sich beide befanden, der Boden nicht ganz so unbeweglich war!
Das Herz des Dichters, das nicht aus Stein war, erfreute sich jedes Mal, bei jeder Berührung der zarten Glöckchen, und er wünschte sich, daß der Wind immer so wehen möge, so daß sich die zarten Stengel der Blume immer wieder an ihn schmiegten und er ihre Berührung spüren konnte. Beim lieblichen Gesang der Glöckchen erbebte seine Seele, und er wünschte, er könnte sich bewegen, um die zarten Geschöpfe umarmen und streicheln zu können, um sie aufzuheben und seine Augen mit ihrem Licht zu erfüllen.
Aber das war unmöglich. Er war doch nur eine Statue.
Eines Tages kam ihm der Gedanke, daß es vielleicht doch kein Zufall war, vielleicht war es nicht nur der Wind, der die zarte Blume dazu brachte, sich an ihn zu schmiegen. Vielleicht diese Gesänge waren doch für ihn. Vielleicht...
Aber nein, das konnte nicht sein. Er war doch nur ein steinerner Dichter. Er wußte nicht mal, ob er schön war. Und auch wenn es so wäre, was konnte schon ein so zartes und graziles Geschöpf an einem grauen und kalten Steinklotz lieben? Nein, das war nicht möglich. Das konnte nur in seiner Fantasie geschehen.
Das Maiglöckchen streichelte ihn immer wieder.
Aber sein Gewissen plagte es, daß es die Unverfrorenheit gehabt hatte, den Dichter zu lieben. Und es schämte sich, daß es sich nicht beherrschen konnte.
Aber es bemühte sich. Die Blume dachte, daß auch der Dichter bemerkt haben mußte, daß sie näher gekommen war, auch wenn er nur in die eine Richtung blickte. Und er hatte auch sicher bemerkt, daß sie ihn gestreichelt hatte. Dann muß er auch verstanden haben, warum. Wenn er ihr kein Freudenzeichen gab, so konnte das nur bedeuten, daß er sie nicht liebte. Was auch natürlich schien. Warum hätte wohl ein so schöner und sicherlich bedeutender Dichter eine so unbedeutende Blume lieben sollen?
Natürlich wußte sie, daß sich Statuen nicht bewegen können, aber wenn ihre Nähe ihn auch nur ein wenig erfreut hätte, so hätte er ihr das irgendwie mitteilen können. Er hätte sich zum Beispiel ein wenig erwärmen können, an der Stelle, die sie berührt hatte, oder er hätte ein wenig die Farbe ändern können, oder sonst ein Zeichen geben können, um sie wissen zu lassen, daß er ihre Nähe bemerkt hatte.
So aber war es klar, daß es ihn entweder nicht interessierte, oder er es gar nicht bemerkt hatte, was das gleiche war.
Irgendwann kam ihr der Gedanke, daß für ihn ihre Berührungen vielleicht unangenehm, ja sogar störend waren. So sehr es sie auch schmerzte, begann sie ihn immer seltener mit ihren Glöckchen zu berühren. Sie wollte ihre Schwäche überwinden.
Sie sang auch nicht mehr für ihn. Vielleicht gefiel ihm ihre Stimme nicht, und er konnte es kaum erwarten bis sie aufhörte, um wieder der Stille lauschen zu können. Außerdem gefiel es ihm vielleicht, sich in der Sonne zu erhitzen. Vielleicht tat es ihm gut und er konnte es womöglich kaum erwarten...
Wie dumm von ihr, nicht daran zu denken, daß ihm ihre Liebe schaden könnte.
So fand sie die Kraft, diese Liebe nach und nach zu töten.
Und sie tat nichts mehr. Sie stand bloß da, neben ihm, und weinte immerfort. Die Spaziergänger, die sie sahen, sagten alle, "Wie schön! Das Maiglöckchen dort ist immer voller Tau!".
Der Dichter hatte alle Veränderungen bemerkt und verstanden, daß all seine Hoffnungen vergebens gewesen waren. Wie töricht von ihm auch nur einen Augenblick lang zu glauben, daß all das eine andere Bedeutung gehabt haben könnte! Vielmehr mußte es so sein, daß er zu vertieft in der Betrachtung der Blume gewesen war, um zu bemerken, daß eigentlich der Wind so stark gewesen war, und daß also ihre Berührungen daher kamen. Der Wind wehte jetzt tatsächlich etwas stärker als an den Tagen zuvor, aber er spürte nicht mehr die zarten Stengel, so wie früher. Und als sie gesungen hatte, so hatte sie es womöglich der Sonne zuliebe getan, die sich jetzt seit einiger Zeit versteckte. Oder vielleicht war sie glücklich gewesen und jetzt hatte sie Sorgen, wer weiß? Wer kann schon wissen, was sich in der Seele eines Maiglöckchens abspielt?
Er sehnte sich so sehr nach dem reinen Klang der kleinen Glöckchen und wartete ungeduldig auf windige Tage, an denen er doch noch ab und zu ihre Berührung spürte. Und er wünschte sich mehr den je, sich bewegen zu können, zumindest ein wenig. In seiner Seele wuchs eine immer tiefere Trauer.
Die Spaziergänger konnten aber diese Trauer nicht bemerken. Niemand konnte sie bemerken. Er konnte ja nichts bewegen: weder Hände, noch Beine, noch Mund. Seine Augen blieben auch unbewegt, und der einzige Ausdruck in ihnen war der nachdenkliche Blick, den der Bildhauer gewollt hatte.
Der Tau seiner Augen befand sich aber tief im Inneren.
Wien, 1997
Freiheit ist die Einsicht der Notwendigkeit
Übersetzung: Aranca Munteanu
Das rote Lämpchen des Fernsehers.
Das rote Lämpchen der Stereoanlage,
die ich Drehorgel nenne.
Das rote Lämpchen des Reiskochers.
Das rote Lämpchen des Grills.
Das rote Lämpchen des CD-Laufwerks meines Laptops.
Das rote Lämpchen des Anrufbeantworters.
Das rote Lämpchen der Anlage, die mir anzeigt, daß mich jemand in meiner Abwesenheit angerufen hat.
Von welchem Anschluß ich angerufen wurde, steht allerdings (was für eine Fantasieverschwendung!)
- in schwarz.
Das rote Lämpchen der Kaffeemaschine.
Das rote Lämpchen des Computers.
Das rote Lämpchen im Knopf der Handys.
Das rote Lämpchen des Brotbackautomats.
Die roten Lämpchen in der Leuchtreklame des China-Restaurants am Eck. (Diese sind wenigstens
etwas fantasievoller, oder vielleicht nur
subtiler: Sie wechseln sich mit grünen und gelben Lämpchen ab.)
Das rote Lämpchen an der elektronischen Rassel meines Babys und
Das rote Lämpchen am E-Lexikon meines achtjährigen Kindes. Wenigstens dieses
hätten sie blau machen können,
Oder grün, oder gelb, oder lila mit Tupfen und goldenen Streifen,
Was für eine Fantasielosigkeit, meine Herren! Wenn schon ein Lämpchen da sein muß, dann
könnt ihr es auch mal färben,
Ihm ein anderes Gesicht geben! Damit es wenigstens mal anders
aussieht!...
Oder doch nicht, dann würde uns diese
tödliche Mono-tonie ja nicht mehr auffallen: So wie sie jetzt sind,
sind sie praktisch gar nicht mehr. Wie die Luft.
Ja, es ist besser so. Entweder reizen sie irgendwann unsere Augen, oder
wir gewöhnen uns von klein auf an die Wichtigkeit der roten Lämpchen.
Sie werden uns ja ein Leben lang führen und begleiten. Und dann,
umgewandelt in Kerzchen in roten Bechern - eventuell elektrischen, batteriebetriebenen -,
werden sie uns auch
im Tode begleiten.
Das rote Lämpchen des elektrischen Heizkörpers.
Das rote Lämpchen des Videogeräts.
Das rote Lämpchen der Videokamera.
Das rote Lämpchen des Fotoapparats,
das blinkend, bei uns ein
gezwungenes und erstarrtes Lächeln auslöst
für das Foto, das in einer doch vergänglichen Weise den gegenwärtigen Augenblick verewigt,
den ungelebten Augenblick.
Der Fotoapparat, der in einigen
noch intensiver nicht gelebten Sekunden ausgelöst wird: vier, drei, zwei... JETZT!
Ich blicke nochmal durch den Sucher und sehe
ein rotes Lämpchen, das mir sagt, daß die Batterien leer, fast erschöpft sind.
Das rote Lämpchen meines Autos, das Fehlfunktion anzeigt.
Die roten Lämpchen der Bremsen.
Die roten Lämpchen, welche die Richtungsänderung anzeigen.
Das rote Lämpchen der Ampel an der Kreuzung (manchmal mit Verbissenheit
verdoppelt, für mehr Überzeugungskraft),
genährt und großgezogen aus der ohnmächtigen Gereiztheit der Menschen,
die aufgegeben haben, sich ihm zu widersetzen
und das am oberen Rand der Ampel angelangt ist.
Es ist wahr, daß die Ampel zur Abwechslung mal grün wird,
aber immer für kürzere Zeiten als sie rot leuchtet,
und nur um das Vorhandensein des Grünen unten zu beweisen.
Eigentlich leuchtet dieses Grün ein kleinwenig kürzer, als es unbedingt nötig wäre,
aber wer hat schon die Zeit, so tiefschlürfend zu denken?
Jetzt ist es gerade kurz an
und jeder muß das ausnützen, solange es nicht wieder seine Farbe wechselt.
So, daß die resignierten Menschen, die ihre Autos fahren, schon blasiert sind,
eine Blasiertheit, die langsam den Glanz einer Weisheit annimmt,
die man nur nach vielen Arschtritten erlangt - genauso wie Schlamm,
der glänzt, wenn das Licht auf ihn trifft:
Freiheit ist die Einsicht der Notwendigkeit.
Das rote Lämpchen in den Zollkorridoren.
Die roten Lämpchen an Masten, Türmen, Wolkenkratzern und Wölkchenkratzern
(die, das ist mir unklar, zeigen, wie niedrig man fliegen darf, oder
wie weit nach oben man sich erheben darf?)
Selbst die Häuser, in denen wir ein wenig die roten Lämpchen unserer Welt vergessen dürfen
haben rote Lämpchen.
Die roten Lämpchen flattern vor meinen Augen wie das Tuch in einer frustrierenden Corrida,
vom Aufwachen bis zum Schlafengehen.
Nein. Ich weigere mich, mich umzusehen.
Die sind wie Heuschrecken über uns gekommen, überall grinsen sie, schaut doch.
Die erinnern mich an einen Teufel, der zur Belustigung der Kinder in einem
Einkaufszentrum
aufgestellt war; er wedelte mit dem Schwanz, winkte mit
dem dreizackigen Zepter
und blinzelte in einem Fünfsekundenrhythmus
aus seinen zwei roten Lämpchen, die in seinem Gesicht plötzlich sehr ausdrucksstark wurden.
Es war nämlich ein Teufel in voller Größe. Ich meine,
in menschlicher Größe... Nein, in der Größe
mancher Menschen. In der Größe derer, die an den Schaltern sitzen.
In der Größe des "großen Vieh" aus den Fabriken, wo
roten Lämpchen erzeugt werden, und die, da bin ich mir sicher,
einen unmenschlich großen Umsatz machen.
Ich will keine roten Lämpchen mehr sehen, ob sie blinken oder nicht.
Ich träume davon, irgendwo in den Bergen zu leben,
so daß ich sie nicht mehr sehe. Ich will nur grüne Tannen und Buchen sehen,
und nur braune, rostfarbene oder weiße Rinde, so schön ungleichmäßig,
und Blätter in fast jeder Farbe
und weiße Wölkchen
und buntgetupfte Heuwiesen, die nach Honig riechen
mit Vergißmeinnicht, die ihre Antlitz aus dem schlicht und einfach blauen Himmel ausschneiden,
und mit dem Gelb der Sonne, das in Ringelblumen und Löwenzahn eingetaucht ist,
und dem Weiß der Margaritten und der Kamille und des Wuschelköpfigen Löwenzahns,
der zum Flug ansetzt,
und dem Rot der Mohnblumen, der Rot der Mohnblumen, der Rot der Mohn... NEIN!
Wo war ich gerade? Ach ja, am Berg, am Waldrand,
Wald, Wald, Wald, ja, ein grüner Wald
mit Pfaden, und Farnen, die nichts mehr mit der Fraktaltheorie der Mathematik zu tun haben
und Heidelbeeren, aubergineblau
und kristallklare Quellen
und trockene Zweige, gerade richtig für das Orange des Lagerfeuers
und dazwischen die winzigen roten Tupfer der Walderdbeeren
kleine rote Wald-erd-bee-ren,
kleine, RO-TE, Wald...
Zum Glück, ich sehe ein, daß ich träume, und ich befehle mir aufzuwachen.
Ich öffne die Augen. Das rote Lämpchen des Stromverteilers,
kombiniert (der Funktionalität zuliebe ...two in one!) mit einem roten Knopf,
schaut mir unbeirrt in die Augen und erinnert mich daran, daß es lebt.
Zu viele rote Lämpchen.
Zu viele.
Viel zu viele.
Es wundert mich nicht, daß wann immer ich zutiefst
menschliche Gefühle
zum Ausdruck bringen möchte,
wie Liebe, die Notwendigkeit Freunde zu haben, oder Hilfe zu bekommen,
ein rotes Lämpchen aufleuchtet
in meiner Seele.
Wien, 1997